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Alleine auf dem kältesten Berg der Welt

Florian Hill, 16.06.2011

Ausgebrannt

An der Innenseite unseres Zelts funkeln Eiskristalle. Eine kalte Nacht liegt hinter uns. Wir befinden uns auf 4.300 Metern im Denali Basislager. Schnell waren wir hier oben.
Nach unserer erfolgreichen Expedition in Südalaska, der Durchquerung des Juneau Eisfelds und die Erstbesteigung des Taku-D-Peaks, hatte das Grün auf den Bäumen eine noch wichtigere Bedeutung bekommen: Grün steht für Leben. Nun sind wir wieder inmitten von Kälte, Schnee und Eis an einem der kältesten Berge dieser Erde.

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Ich spreche zu Max, der aber nicht gleich reagiert. Ich frage ihn, ob wir zur weiteren Akklimatisation etwas Eisklettern wollen, bekomme aber keine Antwort. Müde Augen schauen mich an. Augen die mehr verraten als Worte: Max will nicht mehr, hat genug von Eis und Kälte! Mittlerweile sind wir knapp zwei Monate durch Alaska unterwegs, im Zelt.

Plan B
Für mich ist Max mehr als nur ein Expeditionspartner, er ist ein Freund, aber auf der anderen Seite stehe ich zu meinem Ehrgeiz am Berg alles aus mir herausholen zu wollen, körperlich wie mental.
Diese Situation ist für mich ein emotionaler Zwiespalt der nun eine pragmatische Entscheidung fordert.
Die Idee den ursprünglichen Plan umzusetzen und die Südwand solo zu klettern verwerfe ich, zu groß ist das Risiko, auch wenn es mich reizen würde.
Am Abend liege ich in meinem Schlafsack und spiele mit dem Gedanken direkt vom Basislager solo über das Messner-Couloir auf den Gipfel zu steigen. Mich beeindruckt dass Messner-Couloir von Beginn. Es ist direkt und ohne Schnörkel. Eine tolle Alternative.
Neuschnee hat die Bedingungen im Couloir gegenüber dem Beginn der Saison um einiges verbessert . Meine Bedenken gelten dem Wetter und meiner unzureichenden Akklimatisation an die dünne Höhenluft.
Max packt bereits seine Sachen für den Abstieg, als unser Zeltnachbar Graig vorbeikommt um den aktuellen Wetterbericht zu verkünden: „Hey Buddy, da soll ein stabiles Hoch kommen und dann wird’s verdammt „nasty“ (zu deutsch: ekelhaft)."
Meine Chance denke ich. Ohne zu antworten springe ich in mein Zelt und packe die wichtigsten Sachen. Einen kleinen Gaskocher zum Schnee schmelzen, Schlafsack, Biwakzelt, meinen Karbon-Eispickel, Steigeisen, etwas Nahrung und meine Ultra leichten Trekkingstöcke. Schnell und leicht heißt das Motto und so lasse ich wenige Minuten später das Basislager hinter mir.

Schnelligkeit ist Sicherheit
Ein Stierkampf dauert 15 Minuten, ehe der Stier gelernt hat dass er betrogen wird und sich auf den Kämpfer stürzt.
Bis zu 24 Stunden kann es dauern ehe sich im Körper eine Höhenkrankheit manifestiert. Ich bilde mir ein, schnell genug klettern zu können bevor ich Probleme bekommen könnte, bevor sich also der metaphorische „Stier“ auf mich stürzt. Ein Wettlauf gegen die Zeit und den eigenen Körper. Eine Besteigung aus der Not heraus, wirklich alles probiert haben zu wollen, ehe man einen Rückzug angeht.
Als ich losziehe ist die Sicht miserabel, trotzdem kann ich mich gut orientieren. Ich merke bereits beim losgehen das ich noch nicht zu 100 % akklimatisiert bin, die dünne und kalte Luft zieht in den Lungen. Die Fixseile umgehe ich. Zum einen sind sie vereist und zum anderen macht es mehr Spaß „wirklich“ zu klettern. Überall finde ich Möglichkeiten wo sich eine Seilschaft einhaken oder hochziehen kann. Warum legt man einen Berg so in Ketten frage ich mich!? Das finde ich nicht fair, es widerspricht meiner Philosophie. Der Denali ist ein ernstzunehmender Berg, der aber mit seinen Fixseilen an der West Buttress zu einem „Trophäenberg“ degradiert wurde.
Nach circa drei Stunden erreiche ich das Hochlager auf 5.200 Meter. Ich werde langsamer, die Sicht dafür aber umso besser.

Rückzug ohne Charme
Es ist bereits spät und im Hochlager sitzen nur noch ganz wenige vor ihren Zelten und schmelzen den letzten Schnee zu trinkbarem Wasser. Ich passiere ein Zelt von russischen Bergsteigern die mich grüßen und dabei genüsslich an einer Zigarette ziehen. Mir bleibt gerade noch so viel Zeit um den Kopf zu schütteln und ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.
Ich nähere mich dem Denali Pass, dort wo vor ein paar Wochen eine ganze Seilschaft beim Abstieg zum Teil tödlich abgestürzt ist. Es scheint eine klare Nacht zu werden und Kälte zieht durch meine Kleidung. Mit der Zunge kann ich die Eiszapfen an meinem Bart spüren. Bevor ich weiter gehe ziehe ich mir meine warme Daunenjacke über. Dieses Gefühl ist beschützend hier draußen in der Kälte. Ich freue mich darüber alleine zu sein, wenngleich großer Respekt meine Euphorie erdrückt.
Zunehmend wird der Wind immer stärker und ich muss mein komplettes Gesicht verhüllen. Ohne jemals vorher das Hochlager zu Akklimatisation genutzt zu haben, sozusagen im Alpinstil mit nur unzureichender Akklimatisation erreiche ich 5.950 Meter, stehe ca. 350 Meter unterhalb des Gipfels. Ich schaffe es gerade noch die Daten auf meiner SUUNTO Uhr zu speichern, ehe ich meine Finger kaum noch spüre. Der Wind ist nun so heftig das ich immer wieder das Gleichgewicht verliere und mich unsicher auf meinen Steigeisen bewege.
Alleine unterwegs zu sein heißt alleine Entscheidungen zu treffen, alleine Angst zu haben, alleine zu frieren.

Manchmal haben Rückzüge nichts mit Intelligenz oder Charme zu tun, sondern sind vielmehr ein Instinkt der uns Bergsteiger vor Katastrophen schützt.
Ich drehe vor dem Gipfel ab und konzentriere mich auf den Abstieg. Der Wind stößt mich regelrecht aus meiner Spur, will mich nicht mehr hier oben haben.
Nachdem ich das Hochlager erreiche baue ich mit tauben Fingern mein kleines Biwakzelt auf, hoffe dass es dem Wind standhält. Ich reiße mir noch die Steigeisen von den Schuhen und ziehe den Reißverschluss hinter mir zu. In der Nacht zeigt mein Thermometer -33 Grad Celsius. Rechnet man den Wind noch mit dazu werden diese Temperaturen extrem. Alleine und nun von Kopfschmerzen geplagt versuche ich an etwas zu denken das mir warme Füße bereiten könnte. Aber nichts wärmt mich. Der Denali ist ein kalter Berg!
Am nächsten Morgen treffe ich beim Abstieg Graig und Jeff. Auch sie wollten ursprünglich eine andere Route am Denali klettern. Auch sie möchten so „schnell wie möglich“ den Gipfel hinter sich bringen, nur sind sie ohne Zelt unterwegs. Ich erzähle ihnen von meiner Nacht, von dem unerträglichen Wind und der Kälte und kann sie überzeugen mein kleines Zelt doch mitzunehmen.

Wenige Tage später treffe ich die beiden am air-strip kurz vor dem Abflug. Sie geben mir das Zelt zurück und bedanken sich. Ohne Zelt, meinen sie, wären sie wahrscheinlich erfroren.



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